oikos Vienna

students for sustainable economics and management

Barrierefreie Karriere: Chancengleichheit in der Arbeitswelt.

Hinterlasse einen Kommentar

Daniel Schörghofer ist Mitarbeiter der myAbility Social Enterprise GmbH und als Koordinator des DisAbility Talent Programm unterstützt er Studierende mit Behinderung einen erfolgreichen Karrierestart hinzulegen und sich mit namhaften Unternehmen zu vernetzen. Er studierte Umweltpädagogik sowie Umwelt- & Nachhaltigkeitsmanagement und begleitet die Studierenden mit der Planung einer individuellen Karrierestrategie für ihre berufliche Laufbahn.

IMG_8525

Daniel Schörghofer – DisAbility Talent Manager

 


 

Omnea: Wie sieht das Tätigkeitsfeld der myAbility Social Enterprise GmbH aus und wie lautet die Vision des Unternehmens?

Daniel:  Wir sind ein Social Entrepreneur  – ein Social Startup. Es ist so, dass wir keine Förderungen in Anspruch nehmen – das heißt, dass wir uns wirklich nur durch die Aufträge unserer KundInnen finanzieren. Wir bieten dementsprechend mehrere Produkte an und verschiedenste Programme. Also wir organisieren zum Beispiel sehr viele Veranstaltungen, halten diverse Workshops bei Firmen ab, welche sich gerade mit Fragen beschäftigen wie „Wie stelle ich MitarbeiterInnen mit Behinderung ein? Worauf muss ich achten?“ etc.

MyAbility hat jetzt auch ein Youngster Programm für Lehrlinge welches im Herbst startet und das Talent Programm für Studierende. Wir decken eigentlich ein sehr gutes, breites Spektrum ab – angefangen bei Lehrlingen bis hin zu Menschen die kurz vor der Pension stehen – ist alles dabei.

Unsere Vision ist es, dass Menschen mit Behinderung ebenso als Wirtschaftsfaktor bzw. Wirtschaftskraft angesehen werden. Denn es ist nun mal so, dass sie etwas leisten wollen, gerne Dinge ermöglichen und etwas umsetzen möchten.

Omnea: Du bist nicht nur Teil der myAbility Social Enterprise GmbH in Wien, sondern auch Koordinator des diesjährigen DisAbility Talent Programm. Was kann sich genau unter dem DisAbility Young Talent Programm vorstellen?

Daniel: Das DisAbility Young Talent Programm ist ein Karriereprogramm für Menschen oder für Studierende aber auch „frische“ AkademikerInnen mit Behinderung oder chronischen Krankheiten. Unter chronischen Erkrankungen fallen beispielsweis Multiple Sklerose, Rheuma, Lernschwächen oder Sprachschwierigkeiten. Wir bilden aber auch Talents mit „klassischen“ Behinderungen wie zum Beispiel Rollstuhlbenutzer, Sehbehinderte oder Gehörlose aus.

Mithilfe von externen BeraterInnen und TrainerInnen bieten wir ein Bewerbungscoaching an und behandeln Themen wie beispielsweise: „Wie bewirbt man sich richtig?“, „Wie kreiert man einen soliden Lebenslauf?“, „Wie sieht das Motivationsschreiben am besten aus?“ aber auch „Wie präsentiere ich mich direkt vor dem Personaler oder der Personalerin?“, „Wie gehe ich mit meiner Behinderung um?“, „Kann ich das von Anfang an ansprechen oder möchte ich das erst in einem späteren Zyklus öffentlich machen – oder auch gar nicht?“.

Diese Dinge muss man sich während des Programms gut überlegen – denn es folgt dann auch nach dem Training ein Matching Day wo eben der Talent dann auch zu einem Unternehmen bzw. Personalverantwortlichen hingeht, dort seinen Lebenslauf abgibt und sich auch wirklich selbst präsentiert. Wir haben vorab keine Finger im Spiel – also es ist nicht so, dass wir jemanden empfehlen würden, sondern dass sich der Talent selber gut verkaufen muss und wenn es gut läuft auch die Möglichkeit zu einem Job Shadowing erhält.

Bei einem Job Shadowing hat der Talent dann die Gelegenheit, das Arbeitsklima sowie den Arbeitsalltag des Unternehmens (mehrere Tage vor Ort) kennenzulernen und somit kann er bzw. sie prüfen, ob das Betriebsklima auch wirklich seinen bzw. ihren Vorstellungen entspricht. Wenn alles übereinstimmt, bieten viele Firmen ein Praktikum an. Um dies in Prozent auszudrücken: 100 Prozent unserer Talents machen ein Job Shadowing, ungefähr 50 Prozent erhalten dann ein Praktikum und noch einmal die Hälfte davon – also 25 Prozent des gesamten Pools – erhalten dann wirklich eine langfristige Stelle.

Wir machen dieses Talentprogramm schon zum dritten Mal – also das ist das dritte Jahr in Folge. Mittlerweile sind schon über 40 Talents dabei und die berichten alle nur Positives und sind wirklich erstaunt wie offen bzw. ehrlich die Firmen sind und wie wohl Sie sich dort als Arbeitskraft fühlen.

Was wir dann natürlich auch noch anbieten ist ein großes Netzwerk für unsere Talents: Wir laden immer wieder zu Veranstaltungen ein, wo alle Talent-Jahrgänge zusammen kommen, Workshops sowie Vorträge besuchen können um vielleicht das eine oder andere Thema – zum Beispiel Bewerbungsschreiben – wieder aufzufrischen. Das Netzwerk ist für alle – die derzeitigen TeilnehmerInnen und jene die dabei waren, also unsere Alumni.

Omnea: Das hört sich wirklich spannend und produktiv an. Was hat dich dazu inspiriert, dieses Programm zu koordinieren und worin bestehen deine Aufgaben?

Daniel:  Also myAbility bzw. die Firma, welches eben das Talent Programm anbietet, hat mich motiviert dafür zu arbeiten, weil sie die Thematik genauso sehen, wie ich es auch empfinde. Sie sind ebenso der Meinung, dass Menschen mit Behinderung ein wichtiger Wirtschaftsfaktor in unserer Gesellschaft sind und etwas leisten wollen bzw. können. Sie werden nicht als die „armen“ betrachtet und ins „Licht-ins-Dunkle-Eck“ gerückt, sondern sie sind wirklich sehr begeistert, arbeitswillig und wollen Karriere machen.

Ich mag diese Aufbruchsstimmung – dieses “Packen wir’s an!”  und “Jetzt sind wir dran!”. Diese Stimmung gefällt mir einfach und deswegen habe ich auch die Koordinierungsstelle übernommen. Ich bin nun die Hauptansprechperson für Unternehmen bzw. Partner, Talents aber auch unsere TrainerInnen die mitmachen. Meine Aufgabe ist es, alles Inhaltliche zu koordinieren, Räumlichkeiten zu finden und die Talents in der Hinsicht zu beraten, dass sie die richtige Firma finden. Ich kümmere mich darum, dass alles nahtlos abläuft.

IMG_8553

Von links nach rechts: Larissa Rexeis, Daniel Schörghofer und Alice Hu – die KoordinatorInnen des DisAbility Talentprogramm.

Omnea: Wie geht es für die TeilnehmerInnen nach erfolgreicher Absolvierung des Programms weiter?

Daniel: Wenn das Programm beendet ist, dann ist es das Beste bzw. wäre das beste Ergebnis für uns, wenn sie eine fixe Stelle in einem Unternehmen gefunden haben. Sonst sind sie natürlich alle nach wie vor in unserem Netzwerk willkommen. Sie können zu unseren Jahrestreffen erscheinen, unsere Workshops besuchen und jederzeit die Talents der anderen Jahrgänge kennen lernen.  Sie stehen also unter ständigem Austausch.  Keiner ist sozusagen verloren oder alleine auf sich gestellt – es gibt eine fortlaufende Begleitung.

Omnea:  Sind noch immer Talents des ersten Jahrganges bei den alljährlichen Treffen anwesend?

Daniel:  Ja – viele sind da noch immer dabei! Natürlich gibt es dann immer wieder so Phasen, wo die Menschen einmal stärker begeistert sind… wir haben jedoch einen sehr großen Stammtisch und da sind sehr viele Talents dabei.

Omnea:  Ein Arbeitsumfeld, das Vielfalt willkommen heißt und die individuellen Bedürfnisse, aber auch Fähigkeiten von Menschen mit Behinderung bzw. chronischer Erkrankung berücksichtigt ist nicht nur eine Frage der Chancengleichheit, sondern auch eine essentielle Grundeinstellung für zukunftsfähige Unternehmen. Jedoch gibt es leider bis heute klare Diskriminierungsfälle und Schwierigkeiten bei der Jobvermittlung. Was sind die größten Ängste bzw. Hürden aus Sicht des Arbeitgebers/der bestehenden Mitarbeiter?

Daniel: Also aus Sicht des Arbeitgebers meist der Gedanke da, dass ein Mensch mit Behinderung vielleicht Mehrarbeit bedeuten könnte und es auch einen erhöhten Kündigungsschutz – dieses Mysterium dass man sozusagen einen Menschen mit Behinderung “nie wieder los wird” –  und dass man diesen nicht mehr so leicht kündigen kann.  Hierzu muss man sagen, dass das sehr klar gesetzlich geregelt ist und den Status als „begünstigten Behinderten“ Menschen mit einer Behinderung von über 50 Prozent erlangen bzw. beantragen können. Die Einstellung einer solchen Person bedeutet für das Unternehmen zugleich, dass man sich die sogenannte Ausgleichstaxe erspart.

Es ist jedoch natürlich schon so, dass das Unternehmen den Menschen kündigen kann, wenn es triftige Gründe gibt und man muss aber auch sagen, dass dieser erhöhte Kündigungsschutz erst nach einigen Jahren in Kraft tritt. Dementsprechend ist das Argument ja leicht und schnell widerlegt.

Was immer ein bisschen schwierige Fragen sind, ist: „Wie geht man mit der Abteilung um?“ oder „Wie geht man mit dieser Ungewissheit um?“. Wir empfehlen hier klar einen offenen Umgang –   Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation.  Das ist einfach das Wichtigste, dass Führungskräfte mit ihren MitarbeiterInnen sprechen und diese über die neue Person sowie ihre Beeinträchtigung aufklären.  Man sollte auch klären, wie diese Beeinträchtigung im Arbeitsalltag gelöst wird – sprich: Braucht die Person einen Screenreader, wird sie den ganzen Tag mit Kopfhörern da sitzen. Wie man damit umgeht ist eigentlich ganz einfach: Wir geben an dieser Stelle gerne kleine Hinweise und Tipps – wie zum Beispiel Praxistipp Nr. 1: Tippe dem Mitarbeiter vorsichtig auf die Schulter und lass’ ihn die Kopfhörer kurz abnehmen.

Es ist wirklich wichtig, dass man Mitarbeiter dahingegen schult, wie man mit diesem Menschen umgeht und ihn erfolgreich in das Team eingliedern kann. Man muss versuchen die Fähigkeiten hervorzuheben und herauszufinden, wie das Unternehmen bzw. das Team diese nutzen kann. Ich glaube, dass Kommunikation hier essentiell ist.

Omnea: Verstehe. Und wie sieht es aus der Sichtweise von BewerberInnen aus, die eine Behinderung haben?  Gibt es da irgendwelche Befürchtungen?

Daniel: Also ich habe den Eindruck von den BewerberInnen (oder auch vom Talent Programm), dass es die Befürchtungen und Unsicherheiten sind, die jeder bzw. jede von uns hat, wenn er bzw. sie einen neuen Job angeht. Das finde ich dann wirklich ganz beeindruckend – da hör’ ich dann immer Dinge wie zum Beispiel: „Wie wird das mit dem Team sein? Was sind da die Aufgaben? Wie werden mir die Aufgaben gefallen? Werde ich diese zufriedenstellend lösen können? Kann ich mich so einbringen, wie ich oder mein Team dies gern hätte?“ Das sind solche Einstellungen oder Fragen, die ich mir auch an meinem ersten Arbeitstag gestellt habe.

Erst im zweiten Schritt tauchen dann Gedanken auf wie: „Nagut, wie gehe ich damit um, dass ich eine Einschränkung habe? Wie viel möchte ich da meinen KollegInnen erzählen?“

Auch hier wieder: Kommunikation ist eben das A und O. Der neue Mitarbeiter bzw. die neue Mitarbeiterin muss sich hier vorab überlegen, wie er bzw. sie dies angehen möchte. Es ist hierbei natürlich von Vorteil, wenn man ein offener Mensch ist und gerne von sich erzählt. Es ist definitiv leichter, als für einen introvertierten Menschen.

Omnea: MyAbility beschreibt sich als „eine innovative, soziale Unternehmensberatung, welche Chancengerechtheit schaffen und die Gesellschaft aus der Wirtschaft heraus barrierefrei machen möchte. Unternehmen sollen durch myAbility die möglichen Potenziale von Menschen mit Behinderung als KundInnen und MitarbeiterInnen wahrnehmen.“ Welche Vorteile können nun durch die Einstellung von Menschen mit Behinderung (bzw. chronische Erkrankung) entstehen?

Daniel: Das ist eine gute Frage. Viele unserer Partnerunternehmen sehen, dass Menschen mit Behinderungen ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor sind: einerseits als Kunde bzw. Kundin andererseits aber auch als Mitarbeiter oder Mitarbeiterin.  Als Unternehmen kann man sich nicht vor einer großen Kundengruppe verschließen. Man muss in jeglichen Bereichen anpassungsfähig sein – sei es in einem Onlineshop, im Geschäft, bei einer Informationsveranstaltung aber auch bei Bildungsmaßnahmen. Ein Unternehmen würde nie freiwillig einen beträchtlichen Teil ihrer möglichen Kundschaft ausschließen, weil das ein potentielles Geschäft ist.

Zudem ist es nun mal so, dass viele Unternehmen eine gewisse Marke präsentieren möchten – also nach außen hin, dass sie für Diversität sind und jeder bzw. jede herzlich willkommen ist. Intern gesehen ist diese Repräsentierung auch für das Employer-Branding essentiell. Wie wichtig ist es, dass man ein diverses Team hat und unterschiedliche Lösungsansätze kennt? Hier muss man schon betonen, dass Menschen mit Behinderung aus ihrem Lebensalltag oder Arbeitsalltag immer wieder neue Zugänge zu Problemen finden müssen und neue Lösungen schaffen. Dies kann dann natürlich auch im Arbeitsalltag angewendet werden. So können alternative Lösungswege entstehen, welche einem anderen Mitarbeiter bzw. anderen Mitarbeiterin nicht eingefallen wäre.

Teams die sich wirklich nur auf einen Bereich spezialisieren, werden nie so flüssig laufen. Und dieser flüssige Ablauf – das Wohlfühlen in einem Unternehmen – kann nur durch eine gewisse Diversität, eine Gleichberechtigung von allen teilnehmenden Menschen, entstehen. Es kann nicht sein, dass man jemanden ausschließt – denn dies führt immer zu einem Unwohlsein zwischen den Mitarbeiterinnen welches sich direkt auf das gesamte Unternehmen umschlagen kann.

Omnea:  Wie müssen Unternehmen bzw. die Gesellschaft in Zukunft umdenken, um ein Zusammenleben – so barrierefrei wie nur möglich – zu gestalten?

Daniel:  Der Gesetzgeber versucht es mit verschiedenen Steuern, Ausgleichstaxen oder Quoten irgendwie zu regeln. Von diesen ganzen Quotenregelungen halte ich oder halten wir eher weniger, weil es natürlich auch schon so ist dass es dann ein wenig zu einem am Zwang wird. Ich glaube gerade für eine Gesellschaft bzw. ein Unternehmen muss dieser Gedanke aus dem Keim herauswachsen –  es darf nicht einfach von oben herunter diktiert werden. Die Gesellschaft muss sagen können: „Das ist unsere Gesellschaft – wir werden diverser, wir werden vielfältiger und wir wollen uns dem Wandel anpassen.“

Die Gesellschaft muss zudem Teil des politischen Diskurses sein, wirklich auch mit verschiedenen Meinungen sprechen, keine unterschiedlichen Gruppen aufgrund von Meinungsverschiedenheiten ausschließen. Wir müssen näher zusammenrücken und natürlich auch mehr kommunizieren. Die Gesellschaft muss sich auch wieder auf das Menschliche zurückbesinnen – also auf die Gemeinschaft und dass jeder Vor- sowie Nachteile hat, Stärken und Schwächen.

Der Fokus muss auf gemeinsamen Stärken gesetzt werden und diese müssen gefördert werden, nicht auf mögliche Schwächen. Bewusstsein schaffen, Bildung, Offenheit und Kommunikation ist das allerwichtigste für eine Gesellschaft.

Omnea: Zum Abschluss würde ich dich jetzt noch gerne um folgendes bitten: Beschreibe das DisAbility Talent Programm in drei Worten.

Daniel:  Oh das ist schwierig! Ich würde sagen das DisAbility Young Talent Programm ist ein barrierefreies Karriereprogramm oder besser gesagt: Das barrierefrei Karriereprogramm!

IMG_8547

DisAbility Talent Programm – Das barrierefreie Karriereprogramm!


 

Haben wir dein Interesse geweckt?

Ab jetzt kannst du dich bis zum 15. März 2018 mit Lebenslauf an apply@disability-talent.com  für das DisAbility Talent Programm bewerben und dich mit namhaften österreichischen Unternehmen vernetzen!

Klicke hier um zur offiziellen Facebook Seite des Disability Young Talent Programms zu gelangen!

disability

Written by Omnea

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s