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Logistik der Zukunft? – 15. oikos Talk mit Maximilian Schachinger

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Maximilian Schachinger trägt alleine schon mit seinem Namen ein erfolgreiches, aber auch zwiespältiges Erbe: das von Schachinger Logistik, dem österreichischen Pionier für Nachhaltigkeit in der Logistikbranche. Es ist nämlich auch ein schwerfälliges Erbe, mit dem er in der Vergangenheit immer wieder zu hadern hatte, wie er uns beim oikos Talk erzählt.

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Ich habe Max vor zwei Jahren beim Nachhaltigkeitskongress Think More About in Brixen zum ersten Mal getroffen. Ich dachte seither, er sei ein Freidenker und nicht nur ein Nachhaltigkeitspionier in der Logistikbranche, sondern auch einer, der sein Leben nachhaltig in Balance hält, Ruhe, Natur und die schönen Dinge im Leben schätzt.

Beim Talk habe ich aber erfahren, dass Max’ Leben nicht in der von ihm gewünschten Balance ist, noch nicht zumindest. Vor wenigen Monaten hat er sich aus der Geschäftsführung verabschiedet und in den Beirat gewechselt, um Abstand zum Familienbusiness zu gewinnen und erstmals ein etwas stressfreieres Leben zu haben.

Der Stress fing nämlich schon in seiner Kindheit an. Damals brachte sein sehr dominanter Vater die Sorgen und den Stress aus der Arbeit mit ins Familienleben, und Max fragte sich, was der Sinn von all der Arbeit und den vielen Problemen sein konnte, zu denen auch noch die große Verantwortung für das Auskommen so vieler Mitarbeiter*innen kam. Geld blieb nicht viel übrig und selbst wenn, wurden dabei die Grundlagen für ein gutes Leben zerstört: das Familienleben, das innere Wohlbefinden, die persönliche Entwicklung, die Umwelt. Die Frage, ob es nicht auch anders ginge, nagte seither an Max.

Vom Transport- zum Logistikunternehmen

Vor etwa 80 Jahren begann der Großvater als Transporteur. Vor dem Krieg bestand die Flotte aus drei LKWs, zwei davon wurden während des Krieges eingezogen, die Großmutter schaffte es, den dritten zerlegt und versteckt davor zu bewahren. Dieser letzte LKW wurde die Grundlage für den Wiederaufbau der Firma nach dem Krieg. Etwa zehn Jahre nach Kriegsende besaß der Großvater mit neun Fernverkehr-LKWs das größte Transportunternehmen Österreichs.

Jahre der Entwicklung und Selbstfindung

Nach dem Großvater übernahm Max’ Vater die Firma. Max selbst nutzte direkt nach der Matura die Chance auf ein Austauschprogramm in den USA an einem Institut, das auch in Österreich das La Jolla Programm veranstaltete und das dafür bekannt war, an der Front der humanistischen Psychologie zu sein. Nach einem Jahr kehrte er zurück nach Österreich, leistete den Bundesheerdienst ab und begann das Studium.

Um mehr von den inneren wie wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen zu verstehen, inskribierte er sich in Wien für VWL und lernte viele interessante Persönlichkeiten kennen, unter anderem Umweltschützer*innen, Künstler*innen und Politiker*innen, die ihn prägten.

Neben dem Studium arbeitete er in der Firma, wie er es schon während seiner Schulzeit in den Ferien getan hatte. 1994, nach fünf Semestern an der Uni, kam er jedoch zu dem Schluss, dass er noch immer nicht wusste, wie eine solche Firma erfolgreich geführt werden konnte und schon gar nicht, wie er das menschliche Leid und die Zerstörung der Umwelt verhindern oder zumindest verringern konnte.

Er brach sein Studium ab und begann ein Work-Study-Programm in Kalifornien. Dort begegnete er neuen Feldern, wie Deep Ecology, Selbsterfahrung und Nachhaltigkeit, aber auch vielen wegweisenden Lehrenden. Nach zwei lebensverändernden und lernreichen Jahren war er bereit, sein neues Wissen in den Familienbetrieb einzubringen.

Einstieg ins Familienunternehmen und belächelt für die „Nachhaltigkeit“

Heute ist Schachinger Logistik in Österreich und darüber hinaus bekannt für seine Pionierleistungen für eine nachhaltigere Logistik (2011 erster Nachhaltigkeitsbericht, Gesundheitsförderung für die Mitarbeiter*innen, Reduktion vom Treibstoffverbrauch der LKW-Flotte, Elektromobilität und das wahrscheinlich nachhaltigste Logistikgebäude Europas).

Angefangen hat alles 1996, als Max versuchte, sein ganzheitliches Verständnis von der Harmonie von Geist, Körper und Natur, also vom besseren Leben und Schutz der Lebensgrundlagen, in die Firma einzubringen. Dabei muss ein Unternehmen immer noch wirtschaftlich geführt werden, betont er. Aber erst im Laufe der Jahre erkannte er, dass das größte Hindernis nicht die angebliche Wirtschaftlichkeit war, sondern die interne Entwicklungsresistenz.

Als Max einstieg, war die Stimmung in der Firma so, wie er sie von zuhause kannte: stressig und unter dem ständigen Druck, nach vorne zu kommen. Da blieb kein Raum für Entwicklung. Außerdem, wenn man der Veränderung offen gegenübersteht, müsse man ja zugeben, dass man schon früher hätte draufkommen können. Auch hinter manchen technologischen Entwicklungen war das Unternehmen zurückgeblieben. So wurde etwa, erst nachdem Max das Kerngeschäft von seinem Vater vor zwei Jahren übernommen hatte, die von ihm schon 1998 geforderte Telematik in LKWs implementiert.

Die Maßnahmen, die er zum Schutz der Umwelt einführen wollte, wurden belächelt, vor allem vom Vater. 15 Jahre lang mühte Max sich gegen die internen Widerstände ab und setzte einige Maßnahmen durch, die enorme Effizienzgewinne brachten. Aber nicht einmal dadurch schwand die Ablehnung. Die Effizienz sei das eigentliche Kernstück nachhaltigen Wirtschaftens innerhalb der bestehenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, die in diesem Fall zu einem sorgsameren Umgang mit allem führt und neben Geld auch Ressourcen spart. Dazu gehören Fahrschulungen, Aerodynamik, Wärmedämmung, effiziente Anlagen, Photovoltaik, Wärmepumpen u.a.

Neben der Steigerung der Effizienz wurden etwa 2005 die lernende Organisation, eine Akademie und Gesundheitsprogramme begonnen, ein Teil der Flotte auf regionalen Biodiesel und Pflanzenöl und das Essen in der Kantine auf Bio und regional (zur Hälfte vegetarisch und vegan) umgestellt. Vor sechs Jahren schließlich wurde ein fünfköpfiges Nachhaltigkeitsteam zusammengestellt. Die einzelnen Personen haben jeweils ihren Kernbereich, wie Architektur, Facilities, Marketing, aber sie haben den gemeinsamen Fokus Nachhaltigkeit.

Erst als ab 2012 die ersten Anerkennungen von außen kamen (innerhalb von drei Jahren vier Preise für Max Schachinger persönlich und zehn Preise für Innovation und Nachhaltigkeit für die Firma) und Schachinger Logistik innerhalb eines durchschnittlichen Quartals so häufig in den Medien war wie zuvor in der ganzen Firmengeschichte zusammen, bekam die Nachhaltigkeit mehr Aufmerksamkeit.

Gründung des Councils für nachhaltige Logistik und die Elektro-LKWs

Inzwischen hatte sich Max einen Namen als Nachhaltigkeitspionier gemacht. Als Gründer und Leiter mehrerer Arbeitsgruppen für Nachhaltigkeit und erster Logistikmanager des Jahres war er allmählich von den vielen Anfragen von allen Seiten überfordert war und zu dem Entschluss kam, dass ein eigenes Team für nachhaltige Logistik in Österreich gefragt war. 2014 gründete er mit der Unterstützung von Helga Kromp-Kolb vom Zentrum für globalen Wandel und Nachhaltigkeit an der BOKU das Council für nachhaltige Logistik.

Das Council sollte eine Plattform für die Ideen und Wünsche der österreichischen Logistik-, Handels- und Produktionsunternehmen für eine nachhaltigere Logistik sein. Sieben der neun großen Logistikplayer, alles harte Mitbewerber, machten mit. Bei diesem Austausch kamen sie beispielsweise darauf, dass nicht nur Schachinger Logistik schon längst bei den LKW-Produzenten um Elektro-LKWs angefragt hatte, selbst DHL, das größte Logistikunternehmen weltweit, wurde bisher vertröstet. Max konnte auch die großen Lebensmitteleinzelhandelsunternehmen Österreichs gewinnen: Mit der gebündelten Nachfrage von mittlerweile 17 Unternehmen brachte das Council den Großserien-LKW-Produzenten MAN dazu, in den kommenden Jahren die ersten Vorserien-Elektro-LKWs Europas zu liefern. Die Produktion wird außerdem nicht in Deutschland, sondern in Steyr in Oberösterreich erfolgen, der Kanzler und Minister haben den Auftrag des Councils am 20. Februar 2017 dort mitunterzeichnet.

Auf unsere skeptischen Einwürfe meint Max, dass sich die Reichweite der Akkus der E-LKWs mittlerweile alle vier Jahre verdoppelt, aktuell reicht sie für die Zustellung vom Zentrallager aus innerhalb der Stadt, selbst bei eisigen Temperaturen. Das würde den Lärm und die Luftverschmutzung in den Städten radikal reduzieren. Unter guten Bedingungen kann ein E-LKW mit einer Ladung bis zu 250 km fahren.

Zeitgleich mit der Einführung der neuen E-LKWs werden sich die Mitglieder des Councils gegenseitig mit Ladestationen unterstützen und den Strombezug komplett auf Ökostrom umstellen, wie das REWE, Hofer und Schachinger Logistik in den letzten etwa zehn Jahren schon österreichweit gemacht haben. Außerdem haben die Council-Mitglieder genug brachliegende Dächer für Photovoltaikanlagen.

Auf die Frage, ob ein Umstieg auf die Bahn nicht die bessere Alternative wäre, meint er, dass für Strecken bis zu achthundert Kilometern der LKW preislich und zeitlich außer Konkurrenz steht. Aber immerhin habe Österreich nach der Schweiz den zweitbesten Modalsplit im Ferntransport.

Nach den LKWs, dem in absoluten Zahlen größten Verschmutzungsfaktor im Transport, stehen die Lagerhallen auf der Agenda des Councils. Und als drittes, mindestens so ambitioniertes Praxisprojekt die smarte, elektrische und nachhaltigere Versorgung der Städte.

by Greta

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