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SDG 4: Quality Education – Handlungsbedarf in Österreich? Gastbeitrag

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Seit dem Jahr 2016 gelten globale Entwicklungsziele erstmals für alle Länder. Bis dahin  wurden solche Ziele oftmals in paternalistischer Art und Weise allein gegenüber den sogenannten Entwicklungsländern formuliert. Die Sustainable Development Goals (SDG) zielen nun auch auf die höchstentwickelten Länder ab. Ist das überhaupt notwendig? Sind wohlhabende Industriestaaten nicht ohnehin weit genug entwickelt?

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Schauen wir uns dafür das SDG 4 an – Quality Education. Als grundlegendes Ziel wird dort folgendes formuliert: Ensure inclusive and equitable quality education and promote lifelong learning opportunities for all.

Ziel ist also ein inklusiver und gerechter Zugang zu qualitativer Bildung für Alle. Inwiefern hat das jetzt etwas mit Österreich zu tun? Ist Zugang zu Bildung in diesem Land nicht etwas Selbstverständliches? Ist hier nicht jede/r seines Glückes Schmied, wenn er/sie nur will?

Keineswegs. In Österreich hängt der Bildungserfolg eines Kindes maßgeblich von Bildung, Einkommen und Herkunft der Eltern ab. Die VerliererInnen des Bildungssystems sind dabei vor allem Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien, oft mit Migrationshintergrund. Was an Unterstützung im familiären Umfeld fehlt, wird vom Bildungssystem kaum aufgefangen. Bereits im Alter von 10 Jahren weisen Kinder aus bildungsfernen Familien bis zu 3 Jahre Leistungsunterschied (Deutsch, Mathematik) gegenüber Kindern von AkademikerInnen auf! Damit bleiben erhebliche Potenziale und Talente für die Gesellschaft ungenutzt.

Dies hat gravierende Folgen für die betroffenen Kinder und Jugendlichen. Wenn ihr Bildungsweg nach einer wenig erfolgreichen Schullaufbahn mit dem Pflichtschulabschluss endet, haben sie kaum eine Zukunftsperspektive. In Österreich lag die Arbeitslosenrate von Personen mit nur Pflichtschulabschluss im Jahr 2016 bei 28%. In Wien sogar bei 41%! Das ist ein Problem für die Zukunftsfähigkeit Österreichs.

Was können wir gegen diese Entwicklung tun? Wie können wir dafür sorgen, dass Kinder sich entfalten und ihr Potential ausschöpfen, unabhängig von Bildung, Einkommen oder Herkunft der Eltern? Dr. Walter Emberger hat diese Frage für sich beantwortet, indem er vor fünf Jahren Teach For Austria gründete. „Wir bauen eine Bewegung herausragender HochschulabsolventInnen auf, die sich zu inspirierenden Lehrkräften entwickeln und langfristig als prägende Akteure der Gesellschaft für Chancengerechtigkeit eintreten“, erklärte er damals. Seitdem hat sich die Bildungsinitiative zu einem etablierten Akteur in der österreichischen Bildungslandschaft entwickelt.

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© Markus Sepperer

Erfolgsfaktor Lehrkraft

Teach For Austria sieht die Lehrkraft als einen entscheidenden Faktor, um die Bildungswege von benachteiligten SchülerInnen erfolgreich zu gestalten. Die international bedeutende Bildungsstudie des Bildungswissenschaftlers John Hattie bestärkt diese Sichtweise. 20 Jahre lang hat Hattie mit seinem Team Meta-Studien zu Bildungsfragen ausgewertet und dabei auf Daten aus mehr als 90.000 Einzelstudien weltweit zugegriffen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse seiner Studien ist, dass der größte Einflussfaktor, der auf den Lernfortschritt von SchülerInnen wirkt, begeisternde und leidenschaftliche Lehrpersonen und SchulleiterInnen sind. Strukturelle Maßnahmen allein, wie z.B. finanzielle Ausstattung oder die Verringerung von Klassengrößen, bewirken hingegen eher wenig. Entscheidend sind die Lehrpersonen, die diese Strukturen zum Leben erwecken.

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© Markus Sepperer

Umkehrung der öffentlichen Wahrnehmung

Lehrkräfte prägen die nächste Generation und übernehmen damit eine der wichtigsten Aufgaben in der Gesellschaft. Dennoch wird im öffentlichen Diskurs eher negativ über den Beruf gesprochen. Eines der Ziele von Teach For Austria ist daher, den enormen Wert von guten Lehrkräften für SchülerInnen und die Gesellschaft darzustellen. Dafür zeigt Teach For Austria öffentlichkeitswirksam die besondere Verantwortung von Lehrerinnen und Lehrern für die Bildungswege benachteiligter SchülerInnen auf.

Innerhalb von nur vier Jahren ist es gelungen, den Beruf der Lehrkraft an den herausforderndsten Schulen Österreichs für HochschulabsolventInnen aller Fachrichtungen besonders attraktiv zu machen. 2016 gehörte Teach For Austria zu den Top 10 der beliebtesten ArbeitgeberInnen Österreichs (Der Standard und Kununu). Für den Fellowjahrgang 2016 gab es für 50 Plätze knapp 1000 Bewerbungen.

Diese Zahlen sind sehr ermutigend. Sie zeigen, dass die Generation der heutigen  UniversitätsabsolventInnen echte Verantwortung für nachfolgende Generationen übernehmen will. Der Einsatz als Teach For Austria Fellow an einer Brennpunktschule wird  als prestigeträchtige Herausforderung und Aufgabe wahrgenommen, mit der man das Ziel einer zukunftsfähigen Gesellschaft erreichen kann.

Das Beispiel von Teach For Austria zeigt, wie sich der Blick der Öffentlichkeit auf die Rolle einer Lehrkraft verändern lässt. Es zeigt zudem wie sich der Blick von angehenden Lehrkräften auf sich selbst und ihre entscheidende Rolle für benachteiligte SchülerInnen ändern kann. Es geht darum, dass Lehrkräfte sich als Führungskräfte und Ingenieurinnen der Zukunft verstehen und von der Gesellschaft dann auch als solche anerkannt werden. Denn wenn wir der Argumentation von John Hattie folgen, wird dieses gemeinsame Rollenverständnis Grundlage für die Erreichung des SDG 4 sein.

Mehr Informationen zu Teach For Austria und dem Fellowprogramm: http://www.teachforaustria.at/

Written by Toni Kronke

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© David Blacher

Toni Kronke ist Teil des Gründerteams von Teach For Austria. Dort ist er für Recruitment und Kommunikation verantwortlich. Er studierte angewandte Kulturwissenschaften und strategische Kommunikation in Hildesheim, Coimbra und Porto und war Teach First Deutschland-Fellow an einer Hauptschule in Köln. Vor seinem Wechsel in den Bildungsbereich leitete und beriet er entwicklungspolitische Projekte in Brasilien und arbeitete für den KED im Bereich Migration und Brain Drain.

 

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