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Operation am offenen Bildschirm – ein Abend im Reparatur-Café – Gastbeitrag

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TitelbildEigentlich hat die Werkstatt in der Florianigasse gar nichts mit kaputten Druckern oder Haartrocknern zu tun. In den Wandregalen stehen Kaffeekannen in Cupcake-Form und putzige Salz- und Pfefferstreuer zum selbst Bemalen. Die Menschen, die sich an diesem Donnerstag in der Keramikmalerei „Farbenfreude“ eingefunden haben sind aber, zumindest heute, nicht am Dekorieren von Keramik interessiert. Es sind Tüftler und Tüftlerinnen, Technikinteressierte, Idealisten und vor allem Menschen mit kaputten Haushaltsgegenständen.

Draußen regnet es in Strömen, drinnen riecht es nach Kaffee und selbstgemachtem Mohnstrudel. An mehreren großen Tischen finden sich die Spezialisten des „energie & reparatur café“ ein. Sie werden sich heute gegen freie Spende um kaputte Elektrogeräte und was sonst noch so mitgebracht wurde, kümmern. Auch ich habe etwas mitgebracht. Der Bildschirm meines Laptops hat entschieden, mir nicht mehr die ganzen 15 Zoll Bildschirmgröße anzuzeigen. Auf einem Viertel des Bildschirms spielen sich im besten Fall psychedelisch anmutende Farbspiele ab, im schlechtesten bleibt dieser Teil einfach schwarz. Und natürlich hat mein Laptop nicht auf eine ruhige Urlaubswoche gewartet um diese neue Eigenschaft zu entwickelt, nein, ich stecke Mitten in meiner Masterarbeit.

Meine Erwartungen sind nicht gerade hoch. Wahrscheinlich ist irgendein winziges Kleinteil kaputt, vermutlich lässt es sich nicht ersetzen und wenn doch, rentiert es sich voraussichtlich nicht. Als Mensch mit ökologischem Bewusstsein und leerem Konto muss ich es aber zumindest probiert haben, denke ich mir und vertraue meinen LSD-Trip-Laptop Johannes an. Johannes zückt sein Uhrmachermesser, ich halte den Atem an. Was jetzt beginnt, ist eine Operation am offenen Herzen meines Computers.

 

Reparaturcafé_Hallwirth_1Die OP beginnt

Nach der Schilderung der Vorgeschichte des Patienten, beginnt Johannes den Bildschirm auseinander zu nehmen. Ich bin fasziniert, so sieht also ein Bildschirm von Innen aus! Vorsichtig beginnt Johannes den Bildschirm abzutasten, um den Auslöser für die Macken meines Rechners zu finden. Fast höre ich ihn fragen: „Wo tut‘s denn weh?“  Das Problem ist lokalisiert, was aber ist die Ursache? Johannes zieht einen weiteren Facharzt äh –mann hinzu.

„Wie alt ist er denn, der Laptop?“, fragt Roland. „Drei Jahre“, sage ich. Allgemeines Nicken – na eh klar, nach drei Jahren endet die Garantie. Roland beugt sich konzentriert über den Bildschirm, mit dem Plastikende seines Schraubenziehers berührt er eine elektronische Verbindungsstelle, der Bildschirm leuchtet grell Pink auf, wechselt zu Neongrün und wird dann wieder schwarz. Es ist wohl das Äquivalent zum Schmerzensschrei, in der Welt der Computer. Vorsichtig drückt er gegen eine Verbindungsstelle, die durch ein kleines Stück Klebeband zusammengehalten wird. Ein weiterer Schmerzensschrei, diesmal in Dunkelblau und Lila. Dann stellt er seine Diagnose: In dem Klebeband von der Größe eines Fingernagels befindet sich ein Knick von der Größe einer Baby-Ameise, dieser ist dafür verantwortlich, dass die Kontakte nicht ganz aufeinanderliegen, wodurch ihre Verbindung immer wieder gestört ist.

 

Reparaturcafé_Hallwirth_2High-Tech-Lösungen

Und die Therapie? Jetzt kommt‘s, denke ich, entsorgen und neu kaufen. Roland nimmt ein Blatt Papier, er reißt ein Stückchen davon ab und rollt es zusammen bis es ungefähr den Durchmesser eines Zahnstochers hat. Er drückt den Papierzahnstocher gegen die Verbindungsstelle und befestigt ihn mit einem weiteren Stück Klebeband – mein Laptop hat eine Schiene bekommen! Wir starten den Computer neu, alle Augen im Raum sind mittlerweile auf ihn gerichtet, die Spannung steigt, hat es funktioniert? Und dann tatsächlich, der Willkommensbildschirm erstrahlt in voller Größe und ganzem Glanz, noch nie habe ich mich so gefreut ihn zu sehen!

Der Initiator des Reparatur-Cafés, Heinz Tschürtz, strahlt ebenfalls. Er freut sich, denn schon wieder konnte ein Elektrogerät vor der Müllhalde bewahrt werden. Mit seiner Initiative möchte er ein Zeichen gegen unsere Wegwerfgesellschaft setzen, in der wir lieber Sachen neu kaufen, anstatt sie zu reparieren, mit gravierenden Folgen für unsere Umwelt und damit uns selbst. Es ist sein Beitrag für einen bewussteren Umgang mit Ressourcen. Dabei bieten die Reparaturprofis auch Hilfe zur Selbsthilfe. Freundlich und geduldig beantworten sie jede Frage und unterstützen einen dabei, Gegenstände selbst zu reparieren. Mitgebracht werden darf übrigens alles, was in einer Hand getragen werden kann, vom Toaster bis zur Nachttischlampe.

Mein Laptop funktioniert seither einwandfrei und ich bin festentschlossen, noch viele glückliche Jahre mit ihm zu verbringen.

 

Reparaturcafé_Hallwirth_3Du hast auch kaputte Elektrogeräte oder Haushaltsgegenstände?

Dann komm vorbei! Jeden zweiten Donnerstag im Monat gibt es den „offenen Werkstatt(t)raum“, wo du mithilfe der Reparaturprofis lernen kannst, defekte Geräte selbst zu reparieren. Der Eintritt ist frei, Spenden herzlich willkommen.

Mehr Infos findest du auf der Facebookseite und der Website des energie & reparatur cafés.

 

Von Lena Hallwirth

Ebenfalls erschienen auf https://lenahallwirth.wordpress.com

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