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Umstrittene Modelle: Wirtschaftstheorien, wozu?

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R_K_B_by_I-vista_pixelio.deUniversitäten sollten für die Fehler in ihrer Lehre zu Rückrufaktionen verpflichtet werden, soll Professor und Banker Bernard Lietaer einst gesagt haben.[1] Dass es gerade im Falle der Wirtschaftsfakultäten solche Fehler gibt und dass Begriffe wie die unsichtbare Hand und der Homo Oeconomicus missinterpretiert oder einfach falsch verwendet werden, hört man immer wieder.[2] Aber wozu dienen diese Konzepte dann überhaupt?

Wirtschaftstheorien sollen die Welt portionsweise erklären: Ein bisschen Marktgleichgewicht im vollkommenen Wettbewerb hier, ein wenig Zinsparität da. Die dargestellten Systeme sind stark vereinfachend. Aber ist das alles? Die Studierende könnten/müssen mangels weiterer Informationen zwangsläufig annehmen, dass die Theorien, die sie kennenlernen, einer realen, widerspruchsfreien Wahrheit entsprechen, aber eben nur einen Teil, ihr Skelett quasi, darstellen. generation jetzt, ein Netzwerk junger Menschen für plurale Ökonomik und gesellschaftliche Verantwortung in Deutschland, schreibt auf seiner Webseite, dass die volkswirtschaftliche Ausbildung das Grundverständnis der wirtschaftlichen Mechanismen bei den Studierenden präge. Die Wirtschaftswissenschaften würden als objektive Wissenschaft dargestellt, mit kohärenten Lehrinhalten und mit als logisch dargestellten Modellen.[3]

Das erste Semester im BWL-Studium faszinierte mich zugegeben unter anderem deswegen, weil sich plötzlich alles mit einer einleuchtenden Logik verknüpfen ließ: Marketing, Buchhaltung, Mathematik und Volkswirtschaft ergänzten sich perfekt, als ob sie für einander gemacht wären. Plötzlich ergab alles Sinn und war auch noch praktisch in der Anwendung. Es galt schlicht, Rezepte zu verstehen, die aber zu abstrakt waren, um sie tatsächlich zu verinnerlichen. Im Hinterkopf war dieses ständige: „Das ist halt die Theorie. Die Wirklichkeit ist komplizierter.“

Überholte Theorien

Wirtschaftstheorien reduzieren komplexe Sachverhalte auf ein schematisches Konzept als Ausgangsbasis für Planungen, Berechnungen und weitere Theoretisierungen. Was im Unterricht unterschlagen oder zumindest nicht in einer Multiplechoice-Prüfung abgefragt wird, ist, dass diese Theorien teilweise nie empirisch bestätigt wurden, wie im Falle von David Ricardos Theorie vom komparativen Kostenvorteil[4], oder dass sie als widerlegt gelten[5].

In der politischen Debatte der derzeitigen Finanz- und Wirtschaftskrise fehlt es nicht an Beispielen, die an der Stichhaltigkeit der Theorien zweifeln lassen. Als etwa Mario Monti von November 2011 bis April 2013 italienischer Ministerpräsident war, war ich fasziniert, wie dieser Professor für Volkswirtschaft eben jene erfolgsversprechenden Maßnahmen umsetzte, die ich zum selben Zeitpunkt in meinem Seminar zur Makroökonomie kennenlernte: Rücknahme der staatlichen Ausgaben sollen zu kurzfristigem Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität führen, aber zu einem mittelfristigen Marktgleichgewicht mit geringerem staatlichen Defizit. Ich versuchte andere davon zu überzeugen, dass Monti wisse, was er tue. Erst als mir auffiel, dass die Aufmerksamkeit der italienischen Tageszeitung Corriere della Sera sich zur selben Zeit scheinbar auf ökonomisch motivierte Selbstmorde italienischer Familienväter verlagert hatte, wurde mir bewusst, dass mittelfristig vielleicht nicht gut genug ist. Ein Mensch muss schließlich auch kurzfristig essen oder einen gewissen Lebensstandard halten können, um seine Würde nicht zu verlieren.[6]

Der Erfolgskurs

Wenn es so offensichtlich ist, dass diese Theorien nicht funktionieren, warum bilden sie dann weiterhin die Grundlage für viele (politische, aber auch betriebswirtschaftliche) Entscheidungen?

Zunächtt einmal: Was heißt hier „funktionieren“? Felber beispielsweise beginnt sein Buch Gemeinwohl-Ökonomie mit der Definition vom Zwecks der Wirtschaft, um zu überlegen, wie man das wirtschaftliche System wieder seinem grundliegenden Zweck zuwenden kann: Den Menschen zu dienen.[7]

Man kann nun zu Felber stehen, wie man will, die Frage bleibt: Welchen Zweck verfolgt die Wirtschaft und inwiefern prägen die Wirtschaftstheorien die Definition dieses Zwecks? Immerhin geben sie nicht nur die bestimmenden Variablen und Konstanten vor, sondern auch die davon bedingten Ergebnisszenarien: Wenn beispielsweise die Arbeitslosigkeit steigt, wird Arbeitskraft günstiger, Unternehmen stellen mehr ein, in der Folge sinkt die Arbeitslosigkeit usw. Gerade die Reduktion von Arbeitslosigkeit ist seit dem 20. Jahrhundert zu einer eigenen Zielgröße geworden; aber ist sie nun Ziel oder Mittel zum Zweck? Und welcher Zweck wird verfolgt? Und für wen?

Die Theorien vom Wettbewerbsmarkt sind zum Selbstläufer und Selbstzweck geworden. Gerade in Kulturen, in denen die Freiheit als oberstes Prinzip gilt, scheint der freie Wettbewerb gegen jeden staatlichen Eingriff gefeit zu sein, obwohl damit die persönliche Freiheit einzelner, schwächerer Wirtschaftsteilnehmer_innen von größeren, mächtigeren unterbunden wird. Die Liebe zum freien Wettbewerbsmarkt wird mit sich selbst gerechtfertigt, der freie Markt als individuelles Freiheitsprinzip gefeiert.

Dies sind natürlich nur verallgemeinernde, aber nicht allgemein anwendbare Spekulationen. Aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich mit Milgrom und Roberts argumentieren, die eine Ausbreitung und Verfestigung der Theorien zu Marktmechanismen in nicht nur westlichen, sondern weltweiten Theoriebildungsinstitutionen feststellen. Nachdem sich einige Markttheorien in westlichen Kulturkreisen seit dem Mittelalter als brauchbar erwiesen hatten, wurden sie als bestätigt und auf andere Felder übertragbar gesehen.[8] Dass aber makroökonomische Theorien in verschiedenen Ländern zu unterschiedlichen Zeitpunkten grundverschiedenen Bedingungen unterliegen, blieb häufig unberücksichtigt.[9]

Wie wäre es mit weniger Problemlösungs- und mehr Problemerkennungskompetenz?

Anzunehmen, Wirtschaftstheorien seien fertige Lösungen für gegebene Probleme, machen sie gefährlich, weil sie immer nur einen Teil der Realität abdecken und möglicherweise Relevantes ausblenden. Problemstellungen, die nicht „wirtschaftlich relevant“ scheinen, aber es langfristig vermutlich sind, werden nicht erkannt. Im universitären Lernprozess werden die Modelle durchgekaut und -analysiert, indem der dahinterliegende (mathematisch logische) Entstehungsprozess nachvollzogen wird. Warum hat die aggregierte Nachfragekurve eine negative Steigung, warum die aggregierte Angebotskurve eine positive? Was ist der Unterschied zwischen Kausalität und Korrelation?

Gehen wir einen Schritt weiter: Wenn solche Modelle grundsätzlich verstanden werden, könnte dieses Wissen auch anderweitig eingesetzt werden? Ja, meint die International Student Initiative for Pluralism in Economics (ISIPE). Im Frühjahr 2014 veröffentlichte die Gruppe, an der 65 Studierendeninitiativen beteiligt sind, den Aufruf zu mehr Pluralität in den Wirtschaftswissenschaften: Die zurzeit herrschende Einseitigkeit in der Lehre bereite die Studierenden nicht ausreichend auf die Herausforderungen der Zukunft vor, wie etwa zu den Themen Klimawandel, Ernährungssicherheit und Finanzmarktstabilität.[11] ISIPE fordert Diskussion und das Nebeneinander verschiedener Ansätze. Im Grunde verlangt sie für die makroökonomische Theorienbildung das, was Schumpeter auf mikroökonomischer Ebene propagierte: Dynamik.

Es ist Zeit für eine dynamische Diskussion, in der uns bewusst ist, dass eine endgültige Lösung in einer sich wandelnden Umwelt nicht möglich ist. Denn die Starrheit der Modelle und der von ihnen konstruierten Wirklichkeiten, die aufgrund der Komplexität der Zusammenhänge vereinfachend angenommen wird, erschwert ihre reale Anwendbarkeit. Vernachlässigte Faktoren, beispielsweise aus den Bereichen Soziales, Umwelt, Multikulturalität, lokale Infrastruktur etc., können dabei den Ausschlag geben und müssen einzeln berücksichtigt werden.

Von Greta

Dieser Beitrag ist eine leicht gekürzte Version eines Essays, das ich für die Lehrveranstaltung „Sozio-ökologischer Wandel“ (SOLV) an der Universität Wien im Sommersemester 2014 geschrieben habe.

Literaturverzeichnis

[1] Zitiert von Stefan P. Schleicher in der Einheit „Die Ökonomik des Klimawandels braucht einen Klimawandel“ in der Vorlesungsreihe Sozio-ökologischer Wandel im Sommersemester 2014. Universität Wien.

[2] Zum Beispiel Kaletsky, Anatol (19.04.2014). Time to stop following defunct economic policies. Reuters. URL: http://blogs.reuters.com/anatole-kaletsky/2014/04/19/time-to-stop-following-defunct-economic-policies/

[3] generation jetzt (2014). Heterodoxe Ökonomik. Homepage generation jetzt. URL: http://generationjetzt.wikispaces.com/Heterodoxe+%C3%96konomik

[4] Gehört bei Alejandro Cuñat: Introductory Lecture – Development Economics. Vorlesung Sommersemester 2014. Universität Wien.

[5] Kaletsky, Anatol (19.04.2014). Time to stop following defunct economic policies. Reuters. URL: http://blogs.reuters.com/anatole-kaletsky/2014/04/19/time-to-stop-following-defunct-economic-policies/

[6] Wie Keynes zu sagen pflegte: „In the long run we are all dead.“

[7] Felber, Christian (2012). Die Gemeinwohl-Ökonomie. Eine demokratische Alternative wächst. Zweite und erweiterte Neuausgabe. Wien: Deuticke.

[8] Milgrom, Paul & Roberts, John (1988). Economic Theories of the Firm: Past, Present and Future. The Canadian Journal of Economics. 21 (3). P. 444-458.

[9] Gehört bei Alejandro Cunat: Introductory Lecture – Development Economics. Vorlesung Sommersemester 2014. Universität Wien.

[10] Schumpeter, Joseph (1946). Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. Bern: Francke.

[11] International Student Initiative for Pluralism in Economics (2014). Internationaler studentischer Aufruf für eine Plurale Ökonomik. ISIPE. URL: http://www.isipe.net/home-de

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2 Kommentare zu “Umstrittene Modelle: Wirtschaftstheorien, wozu?

  1. Hallo Greta,
    ein gut verfasster Artikel, danke schön. Er regt zum weiter Nachdenken an.
    ….
    Und vor allem das konzentrierte Nachdenken halte ich auch für den Wert von Theorien an und für sich. Dass sich befähigte Menschen die Zeit nehmen und/oder dies als Beruf wählen, um einen Schritt zurückzutreten, und über das Wesen der Wirklichkeit einer Thematik, tiefer und notwendigerweise auch in verschiedensten Zusammenhängen nachzudenken, und danach versuchen die Ergebnisse ihres Nachdenkens in für Andere verständlichen Modellen und Beschreibungen ihrer Theorien wiederzugeben.
    Allgemeinere Theorien erleichtern auch die Verständigung und Diskussion zwischen Individuuen innerhalb von Fachgebieten.
    (Was mir für die praktische Sicht auf ’nachhaltiges Wirtschaften‘ u. a. viel weiter geholfen hat, war die Sichtweise der Mustererkennung in Systemen, die ich aus der Biokybernetik von Frederic Vester übernommen habe.)
    ….
    Die Pluralität ist ein sehr gutes Stichwort. Neben der Vernetzung mit anderen Fachgebieten, stellt sich damit auch die Frage, wie weit die jetzt vorherrschend gelehrte Theorie der Wirtschaftswissenschaft nicht im Fach selbst schon sehr einseitig eingeschränkt weiter gegeben wird? Erst heute habe ich dazu eine sehr spannende „Sternstunde der Philosophie“ auf SF1 mit Alex Honneth gesehen. (In einem Podcast hier zugänglich: http://www.srf.ch/podcasts/feeds/video/sternstundephilosophie-hd.xml)
    Meine persönliche Erfahrung als Absolvent der WU deckt sich mit seiner Meinung, dass zur Zeit die allermeisten vermittelten Inhalte an dem marktliberalen oder neoliberalen Theorie-/Gedankengebäude ausgerichtet sind.
    Womit auch die dominanten Regeln zwischen Märkten und verschiedenen Marktakteuren mehr oder weniger eindeutig vor definiert sind. Diese werden mit den Etiketten ‚rational‘ und ‚vorteilhaft‘ generalisiert.
    Alles öko-soziale rundherum, so auch die Nachhaltigkeits-Orientierung werden, soweit nicht vermeidbar, diesem Modell irgendwie ein-/angegliedert.
    ….
    Ich schätze die Idee und Namensgebung der Gemeinwohlökonomie, und forsche selbst neuerdings im Rahmen dieser Richtung.
    Insgesamt ist die Nennung bzw. Ausrichtung auf ‚Zwecke‘ und ‚Nutzen‘ noch eine sehr ‚dünne Theorie‘. Für den Shareholder ist der Zweck der Geldvermehrung ebenfalls ein Ausdruck seiner (Rechte)Freiheit, seine Gegenleistung sind die eingegangenen Verlust-Risiken sowie der Verzicht auf alternative Verwendung seines Kapitals.
    Wie also mit kontraproduktiven Shareholder Ansprüchen umgehen, wenn diese doch nur einen ‚legitimen‘ Zweck unter vielen darstellen?
    Wer definiert die allgemein gültigen und/oder sozial anerkannten Zwecke in einer Gemeinwohl-Ökonomie?
    Dies erscheint mir in der heutigen XL-pluralistischen Gesellschaft auf einen Nenner zu bringen, als nahezu unmöglich.
    Felber empfiehlt dazu, dies mittels ‚demokratischer Konvents‘ zu erarbeiten und zu entscheiden; ohne näher darauf einzugehen, wie dies genauer von statten gehen soll. Außerdem gibt es solche Konvente noch nicht ansatzweise. Wie also bis dahin verfahren? Wo alle vorhandenen Wirtschafts-Institutionen ebenfalls total auf das marktliberale Modell setzen.

    Es gibt also auch in der GWÖ noch viel theoretisches 😉 zu überlegen, auszuverhandeln und für eine Umsetzung in
    die Realität praktikabel aufzubereiten. Ich denke, dass man neue Ansätze heutzutage den Menschen sogar irgendwie ‚verkaufen‘ muss.
    Nichts anderes macht auch der Neoliberalismus mittels Dauer-Massen-Werbung für die Verheißungen ’schöner neuer Produkte‘. Mit der Einschränkung: Solange es sich die Kunden leisten können. Diejenigen, die aus diesem Raster herausfallen, um die darf sich dann der Sozialstaat kümmern. Was gleichzeitig ein kümmerliches Zeugnis für die behaupteten Qualitäten dieses Wirtschaftsmodells ist, nämlich gleichberechtigt ‚Wohlstand für Alle‘ zu schaffen.

    Liebe Grüße
    Reinhold Haidinger

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    • Danke für deinen Kommentar, Reinhold!
      Mit der Gemeinwohl-Ökonomie habe ich ein ähnliches Problem, dass sie sehr stark auf eine funktionierende Demokratie baut, die wir in dieser Art einfach noch nicht haben, aber das sagt Felber ja selbst, auch, dass er keine Lösungen, sondern nur Anstöße liefert.
      Ich halte viel von Bildung für eine nachhaltige Entwicklung, wobei ich mich klar von Indoktrinierung abgrenzen möchte. Am Donnerstag hat einer der Diskutanten bei Mut zur Nachhaltigkeit gesagt: Radikalismus macht immer Angst, wenn ich nicht derselben Meinung bin. Wir brauchen eine stärkere Diskussionskultur, in der man sich gegenseitig ausreden lässt und ernst nimmt, auch wenn man sich nicht versteht, selbst wenn’s um die Neoklassik geht 😉

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