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Der Klimawandel und die Wirtschaftswissenschaften – Gastbeitrag

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IMG_20150315_190859Der Klimawandel gehört zu den existentiellen Bedrohungen des 21. Jahrhunderts. Schmelzende Polkappen, verringerte Landmassen, Ausdehnung der Wüsten, Wasserknappheit, Artensterben, häufige Umweltkatastrophen wie Wirbelstürme und Überschwemmungen sowie Kriege um die knapper werdende fruchtbare Erde: Man sollte denken, dass es der gesunde Menschenverstand gebietet, diese globale Katastrophe mit allen Mitteln zu verhindern und kategorisch abzulehnen.

Unter einigen Ökonomen herrscht jedoch eine ganz andere Denkweise. Die Kosten des Klimawandels, ihre Auswirkungen auf Konsum und Produktion stehen hierbei im Vordergrund. Dabei werden aufwendige, teils skurrile Rechnungen aufgestellt, um die monetären Kosten des Klimawandels in den nächsten Jahrzehnten abzuschätzen. Den Ursprung dieser Bewertungswut sehen wir in der akademischen Tradition der Neoklassik.

Die Neoklassik

Die Neoklassik verfolgt in ihren Theorien konsequent die Kosten-Nutzen-Rechnung und strebt dabei eine monetäre Quantifizierung aller ökonomischen Phänomene an. Wie ist das möglich? Solange man nur Güterströme betrachtet, mag das noch kein Problem sein. Das wirtschaftliche Leben besteht aber nicht nur aus der Frage, wie man aus den gegebenen natürlichen knappen Ressourcen möglichst effizient möglichst viele Dinge herstellen kann, sondern wie man möglichst effizient die Bedürfnisse möglichst vieler Menschen befriedigen kann. Das Ziel einer solchen Wirtschaftstheorie ist somit die Maximierung der Wohlfahrt, welche den Grad der Bedürfnisbefriedigung aller Menschen in einem Wirtschaftsraum angibt. Bedürfnisse sind aber nicht ohne Weiteres messbar, viele Jahrhunderte wäre der Gedanke an eine Quantifizierung von Wünschen als abwegig abgelehnt worden. Es brauchte eine neue Theorie, eine neue Art zu denken, um dies möglich zu machen. Ein solcher Paradigmenwechsel hat sich erst Ende des 19. Jahrhunderts vollzogen, mit der sogenannten marginalistischen Revolution. Sie hat die Ökonomie mit einer neuen moralischen Theorie verbunden.

Der Utilitarismus

Der ab dem 18. Jahrhundert aufkommende Utilitarismus erwies sich als ideal, um der Ökonomie einen gesamtgesellschaftlichen normativen Rahmen zu geben. Ganz im Geiste der Naturwissenschaften sollte nun auch die Moral zu einer messbaren Größe werden.

Die oberste Maxime des Utilitarismus ist es, das größte Glück für die größte Anzahl von Menschen zu erreichen. Je stärker und umfassender eine Handlung somit das Glück aller Individuen vermehrt, desto moralischer ist sie. Doch wie konnte diese Vorstellung auf die Ökonomie angewandt werden?

Der Ökonom William Stanley Jevons gab Ende des 19. Jahrhunderts die entscheidende Grundlage für diese quantitative Darstellung, indem er die Bedürfnisse aus den ökonomischen Handlungen, mit denen die Menschen diese befriedigen wollten, ableitete.

Die Kaufentscheidungen der Menschen geben also den Hinweis auf ihre wahren Bedürfnisse und gleichzeitig enthüllen sie den Wert der Dinge in ihrem subjektiven Nutzen für das Individuum. Warum würde man sich sonst einen Mercedes kaufen, wenn dieser nicht ein starkes Bedürfnis befriedigen würde, warum einen Urlaub buchen, wenn nicht für die erwarteten Glücksgefühle?

Die Wohlfahrtsökonomie

Diese Anwendung des Utilitarismus auf den Bereich der Ökonomie wird als Wohlfahrtsökonomie bezeichnet. Es wird also versucht, das Verhalten von Individuen darin zu erklären, dass sie ihre persönliche Wohlfahrt maximieren, welche sie aus der Befriedigung ihrer Bedürfnisse, also dem Konsumieren von Gütern erreichen.

Vor diesem Hintergrund lässt es sich leichter erklären, wie einige Ökonomen das Phänomen des Klimawandels in ihre neoklassische Weltsicht integrieren.

Der Klimawandel und mögliche Maßnahmen zur Schwächung oder zum Aufhalten desselbigen ist vor dem Hintergrund der Wohlfahrt der wirtschaftlichen Akteure zu beurteilen. Im Sinne des oben beschriebenen Utilitarismus ist eine Handlung, welche das Klima schädigt, jedoch die Wohlfahrt erhöht (im Sinne eines Konsumzuwachses), moralischer als der Verzicht auf dieselbe Handlung. Es wird somit kein übergeordnetes Moralkriterium akzeptiert, sondern ausschließlich die Abwägung zwischen den Auswirkungen von Handlungen auf die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung

Wesentlich bei diesem Moralbegriff ist, dass der Nutzen und der Schaden einer Handlung genau abschätzbar sein müssen, um deren Auswirkungen auf die Wohlfahrt zu kennen. Gerade am Beispiel des Klimawandels ist das ein großes Problem, da nicht einmal die Wissenschaft präzise Angaben dazu machen kann. Das erste zentrale Problem der Kosten-Nutzen-Rechnung ist also das fehlende Wissen über die Folgen des Klimawandels. Insgesamt sind Langzeiteffekte auf das weltweite Klima sowie Kosten der Anpassung nur schwer abzuschätzen. Der zweite kritische Punkt ist das Wissen über die individuellen Präferenzen und damit den Nutzen. Es ist unklar, wie der Nutzen von Umweltqualität zu quantifizieren ist, da es sich dabei um kein am Markt erhältliches, sondern um ein öffentliches Gut handelt. Die monetäre Abwägung zwischen privatem Konsum und Umweltqualität ist aber eine zentrale Voraussetzung für die Kosten-Nutzen-Analyse und wird in der ökonomischen Forschung durch wenig überzeugende Methoden bestimmt, wie z.B. durch Umfragen zur Zahlungsbereitschaft für Umweltschutzmaßnahmen.

Selbst wenn es eine Möglichkeit gäbe, die Präferenzen der Menschen genau festzustellen, würden wir auf ein weiteres Problem stoßen. Die Präferenzen einer breiten Mehrheit könnten schlicht egoistisch sein, im Sinne einer Gleichgültigkeit gegenüber der Umweltqualität und einer Inkaufnahme der fallenden Lebensqualität für zukünftige Generationen. Da in den Wirtschaftswissenschaften die Wohlfahrt der aktuell lebenden Generationen meist höher gewichtet wird als diejenige Zukünftiger, kann eine fallende Umweltqualität für zukünftige Generationen mit einem aktuell hohen Konsumniveau für gerechtfertigt erklärt werden. Nehmen wir nun jedoch an, dass die Menschen sich den zukünftigen Generationen gegenüber altruistisch verhalten wollen. Auch in diesem Fall ist zu bezweifeln, dass das nötige Wissen und die Aufklärung über die Folgen des Klimawandels in der Bevölkerung vorhanden sind, woraus sich diejenigen, idealen, von der Neoklassik postulierten, Präferenzen bilden könnten, welche bei perfekt informierten Individuen vorliegen würden.

Fazit

Der Kosten-Nutzen-Rechnung in Hinblick auf den Klimawandel können wir nur ideologischen Charakter zuweisen. Deutlich wird das auch in der Diskussion um die beiden tonangebenden Reports über die ökonomischen Kosten des Klimawandels: Stern-Report vs. Nordhaus-Report . Je nach politisch-ideologischer Vorstellung werden vollkommen unterschiedliche Folgenabschätzungen postuliert.

Wir plädieren daher für die Festlegung von ethischen Rahmenbedingungen, innerhalb welcher das neoklassische Kosten-Nutzen-Kalkül angewandt wird. Die Umweltverschmutzung kann nicht aufgrund von derzeit existierenden Präferenzen und Konsumwünschen beliebig in Kauf genommen werden, sondern muss auf Grundlage von umweltwissenschaftlichen Erkenntnissen begrenzt sein, um die Erhaltung der Umwelt zu ermöglichen und die Generationengerechtigkeit zu wahren.

von Daniel Croner und Ivan Frankovic

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