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Endstation Pflichtschule – Warum steigen jährlich 35.000 Jugendliche aus?

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© pixabay

Wer fleißig ist, kommt ganz groß raus. Oder etwa nicht? Wie sieht’s mit dem Bildungsaufstieg in Österreich aus?

Vom Kindergarten bis zum Uniabschluss ist alles durchgeplant und dann die Qual der Wahl, vielleicht ein paar Zukunftsängste: Welcher Job? Noch eine Ausbildung? Vielleicht ins Ausland?

Für mich, ebenso wie für euch vermutlich, werden diese Fragen frühestens mit Anfang-Mitte 20 wirklich brenzlig. Was aber, wenn sich diese Fragen schon, sagen wir mal, zehn Jahre früher stellen? In Österreich brechen jährlich 35.000 Jugendliche (zwischen 15 und 18) die Schule oder eine Ausbildung ab, ohne eine neue zu beginnen; ein Teil von ihnen arbeitet als Hilfsarbeitskraft, der andere scheint nirgends auf. Diese Jugendlichen haben nichts als ihren Pflichtschulabschluss (wenn überhaupt, bis zu fünf Prozent verlassen die Schule schon vorher, weil sie schon alt genug sind oder sie können als SonderschülerInnen keinen Abschluss machen) und werden eine längerfristige frühe Arbeitslosigkeit (als Stigma z.B.) mit großer Wahrscheinlichkeit ihr Leben lang mit sich ziehen.

Damit will ich nicht behaupten, dass Österreich, was die Jugendarbeitslosigkeit betrifft, im EU-Vergleich schlecht dastehe, das tut es nämlich nicht. Außerdem ist es ein gesamteuropäisches, wenn nicht weltweites Phänomen, dass die Jugendarbeitslosigkeit statistisch gesehen immer höher (aber auch dynamischer, also mit tendenziell kürzeren Perioden der Arbeitslosigkeit) ist, als die allgemeine Arbeitslosigkeit.

Aber 1. ist jede/r Jugendliche ohne Job/Perspektiven eine/r zu viel (das hat doch schon mal jemand vor mir gesagt…), 2. reden wir bei den oben erwähnten AbbrecherInnen nicht unbedingt von Arbeitslosen, sondern oft von Leuten, die schlicht aus dem System raus fallen und in keiner Statistik aufscheinen. Es weiß einfach keine/r, was die tun. Und da steht Österreich sogar richtig schlecht da (S. 401 hier, wobei hier die Wehrpflicht verzerrend wirken könnte, das wird nicht deutlich).

Aber nicht alle diese NEETs (Not in Education, Employment or Training) rasen auf einen Abgrund zu. Ein Freund von mir hat Jahre seines Lebens mit Computerspielen auf der elterlichen Couch verbracht, bevor er seine Hochschulberechtigungsprüfung nachgeholt und mit dem Studieren begonnen hat. Aber der hatte zugegebenermaßen schon seinen Pflichtschulabschluss, ihm hat quasi nur der Luxus einer Matura gefehlt. Zurück zu den Couchpotatos (ohne wertend klingen zu wollen) ohne Pflichtschulabschluss und mit weniger geduldigen Eltern: Sind die denn selbst Schuld? Mangelt es am Willen? Oder an Möglichkeiten? In Österreich kann doch jede/r werden, was er/sie will. Oder? Nicht ganz. Tatsächlich liegt Österreich im OECD-Vergleich relativ weit hinten, was den Bildungsaufstieg betrifft, manche behaupten sogar sehr weit, nämlich auf dem vorletzten Platz. (Da würde man doch gerne wissen, wer auf dem letzten Platz gelandet ist, sagt Bescheid, wenn ihr es herausgefunden habt.)

Dabei wird einiges an Geld locker gemacht, um den Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt und in ihrer Ausbildung Starthilfe zu leisten. Wer sind denn die, die da noch hängen bleiben? Tja, überdurchschnittlich viele Leute aus sozio-ökomonomisch benachteiligten Familien. Gerade wenn’s ums Studium geht, ist es statistisch wahrscheinlicher, einen Abschluss zu machen, wenn schon die Eltern universitär gebildet sind. „Soziale Belastung“ nenne das das BIFIE, hat Toni Kronke beim oikos Talk gesagt. Toni war selbst mal Lehrer in einer Kölner Gesamtschule, einer von denen mit einer hohen „sozialen Belastung“, also mit einem besonders hohen Anteil von Schüler*innen mit einem innerhalb des Bildungssystems scheinbar nachteiligen sozio-ökonomischen Hintergrund. Er hat vor ein paar Jahren Teach for Austria mitgegründet, für die ich gleich ein bisschen Werbung mache, das ist nämlich eine tolle Sache:

Mit einer Bewerbung als Lehrkraft über Teach for Austria, wird man für zwei Jahre (im Anstellungsverhältnis mit dem Stadtschulrat in Wien oder Salzburg) an eine Unterstufenschule (u.a. neue Mittelschule) mit der beschriebenen sozialen Belastung geschickt und unterrichtet dort als vollwertige Lehrperson. Dabei wird man von der Organisation eingeschult, begleitet, unterstützt und laufend weitergebildet, das ganze Betreuungspaket also. Toni meint ja, wer es in dieses Programm schafft (das Auswahlsystem soll äußerst selektiv sein, dafür spricht auch die sehr geringe Abbruchquote der einmal aufgenommenen Fellows) und in einer Klasse einer solchen Schule Veränderung bewirken kann, kann sich auch auf ganz anderen Ebenen durchsetzen (Stichwort Leadership).

Vanessa, eine Fellow, die ich zusammen mit anderen getroffen habe, war jedenfalls extrem begeistert. Auch wenn sie kein Geheimnis daraus gemacht hat, dass ihr Job manchmal die Hölle ist oder zumindest am Anfang war. Jetzt überlegt sie, ein drittes Jahr anzuhängen, die Direktorin bitte sie sehr darum. Ein klitzekleines Manko an der Sache: Lehrkräfte verdienen nicht gerade das, was man unter Akademiker*innen gut nennt. (Zumindest nicht jene mit Sondervertrag.)

Aber das sollen sie ja auch nicht, schließlich erfüllen sie ja einen sozialen Nutzen und keinen politisch-wirtschaftlich essenziellen, ähm. Naja.

Ich habe also, wie ihr seht, keine Antworten, nur sehr viele Fragen. Deshalb hier noch zum Ausklingen ein kleines animiertes Video (so lass ich mir gerne was beibringen) dazu, was Bildung mit den Menschen macht und machen könnte.

Von Greta

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