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Entschleunigung: WWOOFing in Dänemark

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Ursprünglich wollte ich auf eine der vielen dänischen Inseln, um mir dort auf einem Hof das Prinzip der Permakultur anzuschauen und um mit dem Rad einmal um die Insel herum zu fahren. Den perfekten Hof hätte es auch gegeben, allerdings kam meinen Hosts kurzfristig etwas dazwischen und ich musste umdisponieren. Auch das kann beim WWOOFing passieren, aber das ist eigentlich gar nicht so schlimm.

Am unteren Rand des Fensters eines alten Bauernhauses irgendwo in Südjütland sammeln sich früh morgens Wassertropfen. Die Sonne strahlt durch das Fenster und trotzdem ist es nicht richtig warm, obwohl es August ist. Aber das ist so in Dänemark, denn richtig heiß ist es gerade mal für gut zwei Wochen im Jahr und das ist gut so, habe ich mir sagen lassen. Ich streife mir meine Softshelljacke über und gehe in den anderen Trakt des Hauses, wo Andreas, der Hofbesitzer, wohnt und wo auch die Küche ist, wo er und die WWOOFer*innen essen – und das vier Mal am Tag. Das wünscht er sich, weil er wegen seines Alters nicht mehr so viel arbeiten kann, aber trotzdem informiert werden möchte, woran wir gerade arbeiten, was getan werden muss oder um uns erzählen zu können, was heute in der Zeitung steht.

Nicht alles läuft nach Plan

Ursprünglich wollte ich auf eine der vielen dänischen Inseln, um mir dort auf einem Hof das Prinzip der Permakultur anzuschauen und um mit dem Rad einmal um die Insel herum zu fahren. Den perfekten Hof hätte es auch gegeben, allerdings kam meinen Hosts kurzfristig etwas dazwischen und ich musste umdisponieren. Auch das kann beim WWOOFing passieren, aber das ist eigentlich gar nicht so schlimm. Irgendwie lässt sich immer jemand anderes finden. Vielleicht ist das dann keine Insel, die man mit dem Rad umrunden kann oder keine Permakultur, aber es ist auf alle Fälle ein Mensch, der sich über deine Hilfe freut.

Wo die Uhren langsamer ticken

Also wurde mein Aufenthalt durch örtliche und zeitliche Verschiebungen eine kleine Dänemark Entdeckungsreise, denn der Hof von Andreas liegt in der Nähe der deutschen Grenze, was für mich das andere Ende des Königreiches war. Je weiter ich in das Land vordrang, desto langsamer schien die Zeit zu vergehen. Plötzlich hatte ich so viel davon. Ich weiß nicht, ob es an der Tatsache lag, dass in Dänemark alles so klein ist oder ob die Gelassenheit der Menschen auf mich überschwappte.

Ladies im Fenster MuseumBevor ich ankam, habe ich also ein paar Tage in Kopenhagen verbracht, bin mit dem Zug übers Meer auf die Insel Fünen gefahren, wo Windräder die Küste säumen und habe dort in Fünens malerischer Hauptstadt Odense die Magie von Hans Christian Anderson entdeckt.

Scherenschnitt

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Der Zug brachte mich weiter Richtung Westen bis nach Esbjerg, einer Hafenstadt, die einen mit klaren Linien und vier weißen Männern aus Stein empfängt. Nach zwei kurzen Tagen in Ejsberg und der Erkundung der umliegenden Inseln setzte ich mich in einen Regionalzug, der an die privaten S-Bahnen in Österreich erinnert. Ich steige in Tønder aus, dem Geburtsort des berühmten dänischen Möbeldesigners Hans J. Wegner – ein kleines Mekka für einen Design-Fetischisten wie mich.

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Ein Schotterweg und sonst nichts

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWeit war es nicht mehr bis zu Andreas. Einen Bus musste ich noch nehmen, der mich, laut seinem E-Mail, vor seiner Haustür absetzte, wenn ich den Busfahrer frage. Skeptisch wie ich bin, ergab meine Errechnung des Worst-Case-Szenarios, dass ich einen Kilometer gehen musste, wenn der Busfahrer bei der regulären Busstation stehen bleiben sollte. Es ist Samstag und 7 Leute warten auf den Bus. Mit all meinem Dänisch, das ich bis jetzt so aufgeschnappt hatte, fragte ich, ob er mich denn woanders aussteigen lassen könnte. „Ach, du willst zu Andreas, oder?“ Andreas ist in der Gegend sehr bekannt. Er schreibt regelmäßig Leserbriefe, engagiert sich für die Bildung und kämpft zum Beispiel gegen Schulschließungen, aber davon erfahre ich erst später. Auf einer langen kerzengeraden Hauptstraße mit Äckern links und rechts ließ mich der Busfahrer bei einem abzweigenden Schotterweg aussteigen, wo auch schon Tylor aus den USA (Andreas nannte ihn immer Gregory) auf mich wartete.

OLYMPUS DIGITAL CAMERABei Andreas ist alles für WWOOFer*innen bzw. generell für Gäste ausgerichtet. Das macht es einfach, sich schnell zurecht zu finden. Fast jeden Tag kommt Besuch: Nachbarn, Freunde oder Verwandte und oft bringen diese auch WWOOFer*innen mit oder wir machen gemeinsame Ausflüge, zum Beispiel zum befreundeten Christbaum-Züchter Thorben.

 

Spezialität des Hauses: Brennesseln

Derzeit steht nicht viel schwere Arbeit auf der Agenda, weil sich in Dänemark das Jahr wettertechnisch bereits mit August dem Ende zuneigt. Wir jäten also Unkraut, Füttern die Kühe, kochen, streichen Wände und ernten das Gemüse, denn gegessen wird nur das, was selbst produziert wird und das ist reichlich. Andreas’ Spezialität sind Brennessel. Das erinnert mich an meine Kindheit in der Steiermark und ist für Tyler eine Utopie.

Fabelhaft einfach

OLYMPUS DIGITAL CAMERAAuch wenn ich nur wenige Tage bei Andreas war und ich noch immer kein Semi-Experte in Sachen Permakultur bin, kann ich auf eine sehr entschleunigendes WWOOFing-Erlebnis zurückblicken. Ich habe neue Freunde gewonnen, durfte mich um Tiere kümmern, Menschen zuhören und einen Tag an einer Schule unterrichten (das ist eine andere Geschichte) und habe Zeit gefunden, einfach nur in die Ferne zu blicken. WWOOFing funktioniert nach keinem Muster, es ist eine individuelle Erfahrung und das war meine.

von Melanie

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2 Kommentare zu “Entschleunigung: WWOOFing in Dänemark

  1. ohhh wie toll! finde ich voll schön erzählt und ich hab jetzt richtig Lust auf Entschleunigung auf dem (dänischem) Land!
    lg, Manuela

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  2. Wow. Das liest sich toll. Ich persönlich hätte gern ein Foto von Andreas gesehen. Insgesamt würde mich interessieren wie der Gemüsebau aufgebaut ist. Oder finde ich den passenden Artikel nur nicht?
    Trotzdem sehr schön geschrieben, vlt testen wir nächstes Jahr mal Dänemark.
    Liebe Grüße
    Jens

    Gefällt mir

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