oikos Vienna

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Hass-Liebe Wirtschaftsstudium

7 Kommentare

Monopoly

Wenn die Profitgier Einzelner und die Wirtschaft insgesamt weltweit die Umwelt ruinieren, Menschenleben zerstören und überall Misstrauen schüren, warum sollte ich dann Wirtschaftswissenschaften studieren? Genau darum.

Wer Wirtschaft studiert, legt es nur aufs Geld an, hat keine Interessen, keine musischen Fähigkeiten, kann nur anderen sagen, was sie tun sollen, ohne selbst zu wissen, wie es geht. Ganz schön bitter, so etwas zu hören zu kriegen, vor allem, wenn man gerade erst anfängt, Wirtschaft zu studieren. Als ich anfing, rieten mir einige Leute ab und meinten, das Fach sei langweilig und ich würde es sowieso bald wieder bleiben lassen oder warum ich mit solchen Machenschaften zu tun haben wollte. In meiner anfänglichen Not sagte ich dann meistens: Ich will einfach wissen, wie die Welt funktioniert und daran hat die Wirtschaft wohl oder übel einen immensen Anteil. Und später dann: Mit euren Kommentaren schreckt ihr ja nur die Leute ab, die wirklich etwas drauf haben und überlasst den Rücksichtslosen das Feld.

Keine Ahnung, was ich mir damals selbst davon abkaufte. Aber im Nachhinein bin ich froh, dass ich darüber nachdenken musste, warum gerade ich, die doch lieber Germanistik oder so studieren sollte, als einem verpönten Brotberuf entgegenzustreben, mich für dieses Fach entscheiden sollte. Und diese Zweifel hörten nicht auf, als ich erst einmal im Studium unter scheinbar Gleichgesinnten war. In meinem ersten Semester an der WU war ich mir allerdings gar nicht so sicher, wie viel ich mit meinen Kommilitonen und –innen gemein hätte. Aber ich wusste, dass ich genau im richtigen Studium war, wenn auch manches ein bisschen einseitig und nicht immer realistisch zu sein schien. (zum Beispiel VWL: Wundert ihr euch nicht auch manchmal, wenn ihr eine IS-LM-Kurve oder so analysieren sollt?)

Wie dem auch sei, es ist mir bis heute manchmal unangenehm, in gewissen Kreisen über mein Studium zu reden. Da wird man dann schnell für die großen Wirtschaftssünden zur Rede gestellt, die gerade in aller Munde sind, als ob man sich für sie rechtfertigen müsste, nur weil man dieses verwerfliche Fach studiert.

Meine Sicht auf mein Studium veränderte sich, als ich mit meiner Spezialisierung Entrepreneurship und Innovation anfing. Kooperation und langfristiges Denken (wir sagen manchmal Nachhaltigkeit dazu) wurde plötzlich ein wichtiges Schlagwort, und ich erzählte allen, bei denen ich mich früher mit meinen Makro-Ökonomie-Weisheiten unbeliebt gemacht hatte, dass in der Wirtschaft ein Umdenken stattfinde. In meiner zweiten Spezialisierung, International Business, wurden ganz ähnliche Töne angeschlagen: interkulturelle Kommunikation, Schutz der Umwelt, Aufbau der Infrastruktur und Unterstützung der lokalen Arbeitskräfte für ein stabiles Investitionsambiente und CSR, das heute aber nur noch eine Floskel sei, für die man neue Ansätze brauche. Ich war überzeugt davon, dass die WU vorausdenkt und dass die Weltwirtschaft dabei ist, nachzuziehen, spätestens, wenn die jetzige Generation von Wirtschftsstudierenden nachrücken wird.

Dass es nicht ganz so ist und ich mir nur zufällig die richtigen Spezialisierungen ausgesucht hatte, hat mir erst Teresa gesagt, als ich bei einem oikos Stammtisch wieder meine Meinung, die Welt befinde sich im Wandel zum Guten, kundtat.

Das ist beunruhigend. Heißt das also, dass die Leute, die sich beispielsweise auf Unternehmensführung oder Marketing spezialisieren, vielleicht keine Ahnung davon haben, wie ein Gefangenendilemma funktioniert und dass wir angeblich mit Kooperation insgesamt und langfristig alle besser aussteigen? Oder dass CSR nicht nur ein Marketinggag, sondern ein Konzept ist, nach dem Unternehmen ihre soziale Verantwortung übernehmen sollen, womit sich im Übrigen die Forschung seit etwa hundert Jahren schon systematisch auseinandersetzt?

Zurzeit schreibe ich meine Bachelorarbeit beim Institute for International Business zum Thema Verknüpfung von CSR und Corporate Governance. Ich kann euch sagen, es wurde schon sehr viel theoretisiert, aber im praktischen Bereich gibt es noch unglaublich viel zu tun. Scheinbar stehen weltweit Führungskräfte vor einer enormen Herausforderung, wenn es darum geht, die soziale Verantwortung des Unternehmens wahrzunehmen. Tja, das hat ihnen die Uni einfach nicht beigebracht.

Eines noch zum Abschluss: Kennt ihr die Initiative für mehr Pluralismus in den Wirtschaftswissenschaften (Pluralism in Economics)? Bald soll es auch die Initiative für mehr Pluralismus in der akademischen Managementausbildung geben, die sich zum Ziel setzt, die Universitäten dazu zu bringen, verschiedene und alternative Ansätze in der Managementausbildung zuzulassen.

Und sie wandelt sich doch!

von Greta

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7 Kommentare zu “Hass-Liebe Wirtschaftsstudium

  1. Danke für den Beitrag! Schön, zu lesen, dass da noch jemand so denkt wie ich. Ich studiere auch deshalb an der WU, weil ich verstehen will, wie die Welt funktioniert, um vielleicht einmal etwas verändern zu können. Wirtschaft an sich ist ja nichts schlechtes, Banken an sich auch nicht. Die meisten, die nicht Wirtschaft studieren, denken aber so. Es kostet viel Ausdauer, zu erklären, dass ihr schwarz-weiß Denken wenig mit der komplexen Realität gemein hat.
    Traurigerweise muss ich dir Recht geben, dass Studenten, die sich auf Marketing spezialisieren, kaum etwas über nachhaltige Ansätze mitbekommen. Ich wollte in International Marketing lernen, wie man Leute von sinnvollen Produkten überzeugen kann, doch stattdessen geht es nur um inhaltsleere. Durch die gesamte Literatur ziehen sich Coca Cola und Danone als Vorzeigemarken. „Umso sinnloser ein erfolgreiches Produkt ist, desto besser muss wohl die Marketingstrategie sein“, ist die unausgesprochene Parole.
    Sicher war es ein bisschen naiv, zu glauben, in dieser Spezialisierung ohne den internationalen Großkonzernen auszukommen. Aber wieso hinterfragt überhaupt niemand der Lektoren, was in der gut zehn Jahre alten, amerikanischen Basisliteratur steht? An der WU wird generell wenig reflektiert, aber so wenig wie im Marketinginstitut wohl kaum wo.
    Es könnte doch alle Fächer an der WU so gestaltet sein, dass sie soziale und ökologische Werte erfüllen. Sonst sind sie an einer Universität eigentlich gar nicht vertretbar.
    Gibt es echt schon Ansätze für eine Initiative für mehr Pluralismus in der Managementausbildung? Eine Website oder so? Danke und liebe Grüße, Julia

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    • Liebe Julia,

      es ist interessant, wenn auch traurig, von deinen Erfahrungen zu hören. Und wieder einmal bestätigt sich, dass ich einfach nur Glück hatte. Ich wünschte mir wirklich, dass mir das Thema Nachhaltigkeit früher schmackhaft gemacht worden wäre, denn interessiert hat es mich schon immer, aber ich wollte nicht auf diese „typisch Frau macht auf sozial“-Schiene geraten und ich finde es schade, dass ich jemals so gedacht habe. Du hast jedenfalls schon mal die richtige Einstellung, um ganz vorne mit dabei zu sein, wenns um die Neugestaltung der Lehrpläne geht 🙂
      Die Initiative für mehr Pluralismus steckt gerade noch am Anfang, ein paar Leute von oikos Vienna werden in Wien daran mitarbeiten, wir sind gerade dabei, die Gruppe zu bilden. Webseite gibts noch keine. Falls du selbst mitmachen möchtest, schreib mir einfach eine Email: greta.sparer@oikosVienna.at, ich leite es dann an die Gruppe weiter, oder auch gerne an die oikos-Infoadresse.

      Liebe Grüße und danke für deinen Kommentar,
      Greta

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  2. „Kooperation und langfristiges Denken (wir sagen manchmal Nachhaltigkeit dazu)“ haha musste so lachen! toller Satz.

    was ich den Kritikerinnen immer sage: “ man muss dem System nah sein um es ändern zu können. Systemferne können das System nicht ändern. Deshalb studiere ich Wirtschaft.“

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  3. Sehr real.
    Same here with law and economics.
    Es wandelt sich dennoch.
    Auch durch Artikel wie diese.

    Ich hab euch zu erst gar nicht so weitreichende Projekte zugetraut, wie den Einsatz dafür auf einer Akademie den Status quo in einer Disziplin wie Management zu hinterfragen und Diversität zu fördern.

    Das kann echt was bewirken.

    Erfolgsreichtum euch.

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    • Danke Chorality, wir bemühen uns! Und was für Projekte oikos macht, kommt nur auf die Mitglieder an und was sie können und wollen. Im Fall des offenen Briefes ist oikos International dabei, das heißt, die internationale Koordination kann von ihnen übernommen werden.

      Komm doch mal zu einem unserer Stammtische, da reden wir dann über Nachhaltigkeit und die Welt!

      Liebe Grüße und danke für deinen Kommentar,
      Greta

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  4. Pingback: Soziale Innovationen in Österreich – meine Erfahrung im Selektion-Team des SIA | Oikos Vienna

  5. Übrigens gibt es die Initiative für mehr Pluralismus in der Managementausbildung mittlerweile: https://www.facebook.com/pages/COMMIT/1451117171807568?fref=ts

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